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DÖRTHE ZIEMER
Freie Projektredakteurin und Autorin

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Ein Spreewaldkahn fährt unter der Goldenen Brücke von Nicola Rubinstein während der Aquamediale 2015 hindurch

Zwischen Gold und Eisenockerschlamm

Es ist ein ewiges Fragen: Wie kommt die Kunst zum Publikum? Doch die Macher der 11. Aquamediale, des Sommer-Kunstfestivals im Spreewald, können sich zurücklehnen, denn eine der wichtigsten Aufgaben von Kunst ist erledigt: Sie löst Widerspruch aus.

Die Diskussion drehte sich um das Thema Stille – wo im Spreewald sie zu finden ist, wodurch sie gestört wird und ob Stille nur die Abwesenheit von Geräuschen ist oder etwas mit der inneren Ruhe eines Menschen zu tun hat. Ein Thema, das Einheimische und Spreewald-Besucher gleichermaßen bewegen könnte. Doch diese Diskussion führten nicht mehr als eine Handvoll Besucher und ein Dutzend Aquamediale-Künstler und -Organisatoren während einer in diesem Jahr erstmals durchgeführten Vorschau zwei Tage vor der Aquamediale-Vernissage.

Die Kunstaustellung am Wasser hat sich in den vergangenen elf Jahren von den Fließen rund um die Lübbener Schlossinsel auf den gesamten Spreewald ausgedehnt und präsentiert zeitgenössische Kunst internationaler Künstler während der Sommermonate im öffentlichen Raum. Sie will anregen zu Diskussion und zu Auseinandersetzung mit der Region – in diesem Jahr beispielsweise zu den Themen Verockerung der Spree, Naturschutz oder Stille.

Ein Schild mit der Aufschrift

Nach der zehnten Auflage im vergangenen Jahr schien das Kunstfestival in einer Krise zu sein – der Veranstalter, der Landkreis Dahme-Spreewald, trennte sich von seinem Kurator, Sponsoren sprangen ab, es gab unklare Abrechnungen, und ein dauerhaft angebrachtes Wandbild gefiel vielen Lübbenern nicht. Kuratorin Petra Schröck, die auch die BrotfabrikGalerie in Berlin leitet, ist in diesem elften Jahr angetreten, unter dem Titel „Metamorphosen“ die Aquamediale in eine neue Zukunft zu führen.

Raus aus dem Elfenbeinturm

Schröck will die Kunst „aus dem Elfenbein holen“ und veranstaltet Diskussionsrunden und Kunstspaziergänge. Wer während der Aufbauphase über Nicola Rubinsteins Goldene Brücke zwischen Schloss und Schlossinsel ging, kam mit ihr ins Gespräch über die Redewendung „jemandem eine goldene Brücke bauen“, über unsere Fähigkeit, dem Streitpartner entgegenzukommen, ihn sein Gesicht wahren zu lassen.

Ziegel aus Eisenockerschlamm liegen vor dem Schloss Lübben während der Aquamediale 2015.

Wer dem Argentinier Mario Asef auf dem Rasen hinter dem Schloss zusah, erfuhr etwas darüber, wie der Eisenockerschlamm aus der Spree für die Backsteinproduktion genutzt werden kann. Wer eines der 50 Schilder mit der Aufschrift „Libellen sind sensitiv“ des österreichischen Künstlers Dieter Buchhart im Spreewald wahrnimmt, der wird spätestens am Lübbener Hafen über die Aktion aufgeklärt. Die Künstler der diesjährigen Aquamediale sind bereit, ihre Werke zu erklären – ob während des Aufbaus, der Vorschau, der Vernissage oder weiteren Veranstaltungen in diesem Sommer.

Ein wichtiger Partner bei der Vermittlung dieser Kunst sind die Fährmänner, denn sie erklären ihren Gästen den Spreewald. Und es scheint, als werbe Kuratorin Schröck um jeden einzelnen Fährmann, verteilt den Kunstkompass, der alle Werke in einer Landkarte verzeichnet und kurz erklärt, sucht das Gespräch mit den Fährleuten, hört ihnen bei ihrer Arbeit zu. Und ärgert sich, wenn doch noch einer zu seinen Gästen sagt: „Was hier so schräg aussieht, ist die Aquamediale.“

Die goldene Brücke stört

Einen Monat nach Aquamediale-Start gibt es auch noch Fährmänner, die fehlende Informationen beklagen. „Mein Fährmann hat nicht so viel erklärt“, berichtet Willy Laufmann, Tourist aus Australien, über seine Kahnfahrt in Lübben. „Wer sich mit Kunst auskennt, mag die Werke verstehen. Aber ich will hier eigentlich die Natur genießen –und komme da auf so eine goldene Brücke zu. Das hat mich gestört.“ Wie intensiv jeder Kahnfährmann auf seinen Touren über die Kunstausstellung spricht, bleibt jedem selbst überlassen, sagt Martin Matthei, Vorstandsmitglied beim Kahnfährverein „Lustige Gurken“. Er selbst versuche, viel zu erklären, denn das werte seine Tour auf. „Allerdings stehen nicht mehr allzu viele Werke direkt am Wasser“, kritisiert er die diesjährige Aquamediale, die bewusst Räume abseits der Fließe gesucht hat, um in den Alltag der Lübbener hineinzureichen.

Tafeln mit Ornamenten hängen während der Aquamediale 2015 an der Berliner Straße.

„Im Alltag Neugier für die Kunst zu erzeugen, ist schwer“, findet Carsten Saß, Kulturdezernent des Landkreises Dahme-Spreewald, der die Aquamediale veranstaltet. Touristen seien da offener – und als Zielgruppe ebenso gefragt. Denn auch das ist eines der Ziele der Aquamediale: dass Touristen kommen, um sich gezielt die Aquamediale anzuschauen. Wie viele das derzeit tun, ist nahezu unbekannt. 100.000 Menschen sollen es laut Veranstalter jährlich sein, doch stammt diese Zahl aus der Statistik der städtischen Tourismusgesellschaft, die die Besucher der Stadt zählt – Menschen also, die an den Kunstwerken vorbeikommen und diese wahrnehmen können.

Wie das geschieht, wollen die Aquamediale-Macher in diesem Jahr über die Neuen Medien genauer herausfinden. Auf Facebook etwa berichten Aquamediale-Besucher über ihre Eindrücke von der Kunst. QR-Codes sollen vor Ort Orientierung bieten. Kuratorin Schröck will zudem auch außerhalb des Spreewaldes in Kunstmagazinen für die Sommer-Schau in Lübben werben – und mit einem Spreewald-Kahn vor der Brotfabrik in Berlin.

Kunst soll anstrengend sein

Dass sie weiterhin mit der Kunst anecken, das ist den Aquamediale-Machern klar. „Kunst im öffentlichen Raum soll an Grenzen stoßen“, sagt Petra Schröck. „Sie ist nicht für alle da, sondern für die, die sich dafür interessieren. Das ist wie beim Fußball. Kunst soll anstrengend sein und darf unverständlich bleiben.“ Dass die Aquamediale in Lübben überhaupt so viele Diskussionen auslöst, freut Carsten Saß als Vertreter des Trägers. „Es werden nicht nur die Kunstwerke selbst diskutiert, sondern auch die Institution Aquamediale und die Frage, was uns Kunst bedeutet, was sie uns wert ist.“

Udo Wid steht vor seiner Mess-Station im Lübbener Hain während der Aquamediale 2015.

Das bestätigt Kahnfährmann Martin Matthei. Wenn er am Arbeitsplatz des Österreichischen Künstlers Udo Wid vorbeifährt, löst er meist lebhaftige Diskussionen über Kunst aus. Der Versuch Udo Wids, die Radiostrahlung durch Gewitterblitze mit dem Saftfluss der umliegenden Bäume zu vergleichen, verwirre die Gäste häufig, berichtet Matthei und lasse sie die Sinnhaftigkeit und die Kosten von Kunst diskutieren – mitten im Lübbener Hain, auf dem Kahn. Der Hain als ehemals heiliger Ort der Sorben hat es Udo Wid angetan, hier misst er 40 Tage lang „stille Entladungen“, sucht Stille und findet Geräusche – von laut telefonierenden Spaziergängern, von nachts wie Wölfe heulenden Jugendlichen, aber auch von den natürlichen Geräuschen des Spreewaldes. Er hatte die Diskussion über Stille im Spreewald während der Vorschau angefacht und sie leidenschaftlich geführt.

Für „absolut notwendig“ hält Heiner Witte aus Hamburg solche Diskussionen und Kunst im öffentlichen Raum. Er macht mit seiner jungen Familie im Spreewald Urlaub und war angenehm davon überrascht, so viel zeitgenössische Kunst vorzufinden – ohne indes dem Begriff Aquamediale begegnet zu sein. „Wir müssen unsere Sichtweisen auf die Dinge ständig verändern“, sagt er. „Deshalb ist es wichtig, so ein Festival durchzuführen.“

erschienen am 10. Juli 2015 in der Märkischen Allgemeinen
und am 14. Juli 2015 in der Lausitzer Rundschau