info (at) doerthe-ziemer.de
DÖRTHE ZIEMER
Freie Projektredakteurin und Autorin

RSS Feed Widget
Nikolaikirche Luckau

Kulturelle Freuden in der Provinz

Wie wird eine Stadt zum Lieblingsort der Brandenburgischen Sommerkonzerte? So bezeichnet das Programmheft von 2015 den Konzertort Luckau, wo am 26. Juli das Festkonzert zum 25. Jubiläum des Musikfestivals mit der Academy of St. Martin in the Fields erklang. Das mittelalterliche Flair der Stadt ist wohl nicht der alleinige Grund dafür.

Der Text im Programmheft lobt die barocken Bürgerhäuser, die „pittoreske“ Stadtmauer, den hochgotischen Kirchenbau und das „bunte Treiben auf dem Marktplatz“ von Luckau, die zum Flanieren vor dem Konzert einladen würden. Doch ein Konzert in schönem historischen Ambiente anzubieten – das war noch nie der alleinige Anspruch der Brandenburgischen Sommerkonzerte (BSK), wie ein Blick in die Festschrift, den opulenten Bild- und Essayband „Geh aus mein Herz…“, verrät. Man wollte, schreibt der Westberliner und BSK-Gründer Dr. Werner Martin, nach der Wende Menschen zusammenbringen – auf Augenhöhe und so, dass die „Bürger in Stadt und Land, Ost und West“ es mittragen. Dazu erschien ihm die Kultur gerade recht.

Kaffeetafel auf dem Marktplatz von Luckau

Das erste Brandenburgische Sommerkonzert fand 1991 in Neuruppin statt, ein Jahr später war Luckau zum ersten Mal Konzert- und Eröffnungsort. Von Anfang an sollten die Menschen vor Ort eingebunden werden. In Luckau ist das offenbar auf besondere Weise gelungen. Bei der Premiere 1992 feierte die Stadt zugleich das 500-jährige Jubiläum als Hauptstadt der Niederlausitz. Die Berliner Gäste wurden am geschmückten Bahnhof in Luckau empfangen und in Kremsern zum feiernden Stadtzentrum gefahren. Sie fühlten sich, schreibt Werner Martin, ein bisschen so wie in der „guten alten Zeit“.

Luckauer Gastfreundschaft

„Uns ist es immer ein Leichtes, in Luckau ein Konzert zu veranstalten“, sagt Arno Reckers, seit zwölf Jahren BSK-Geschäftsführer. Denn das Drumherum, die große Gastfreundschaft der Luckauer seien ebenso wichtig wie hochkarätig besetzte Konzerte, erklärt er: „Konzerte gibt es viele, aber das ganztägige Erlebnis in einer Region ist unser Alleinstellungsmerkmal.“ Getragen wird dieses ganztägige Erlebnis durch regionale Freundeskreise, die vor Ort mitorganisieren. Da seien enge Verbindungen und viel Verständnis für andere Perspektiven gewachsen, erzählt Reckers.

Der Luckauer Freundeskreis gründete sich Anfang der 1990er, er gilt bis heute als einer der aktivsten. „Freude genießen, indem wir Freude schaffen“ – so hat Rüdiger Lorenz, bis vor kurzem langjähriger Mitstreiter an der Spitze des Freundeskreises, die Devise einmal formuliert. Aber es gehört noch mehr dazu. Die Akteure wollen weitergeben, was sie selbst leben: Sie gehen gern und häufig in die großen Konzerthäuser und sind stolz, wenn die „große Musik“ einmal zu ihnen in die Provinz kommt. Sie lieben das besondere Ambiente und kümmern sich um kleinste Details – etwa bei Dekorationen oder selbst bei Formulierungen wie „Lesung unter der Dichterweide im Primanerhof“ – statt Lesung im Hof des Gymnasiums.

Abendliedersingen auf dem Marktplatz von Luckau

Herzstück der Freundeskreisarbeit in Luckau ist die Gestaltung des Abendliedersingens nach dem Brandenburgischen Sommerkonzert an einem schönen Ort in der Stadt – mal im weitläufigen Park der Landesgartenschau 2000, mal an den Weinbergen vor den Schlossberggewölben, mal auf dem mittelalterlichen Marktplatz. Dort gibt es Wein und einen Imbiss, von Gymnasiasten gestaltete Liederhefte und immer eine musikalische Begleitung. Gäste und Einheimische kommen ins Gespräch, bevor die Berliner wieder in ihren Bus zurück in die Hauptstadt steigen.

Mehr regionales Publikum

Das Abendliedersingen wird auch von Luckauern gern besucht, die zuvor nicht im Konzert waren. Überhaupt ist die Zahl der regionalen Konzertgänger über die Jahre gewachsen, loben Lorenz und Reckers gleichermaßen: Die Klassik aus den Metropolen kommt in der Provinz an, lautet ihr Fazit. Waren es am Anfang vor allem Berliner, die ins Konzert kamen, so ist das Verhältnis heute etwa halbe-halbe.

Auch das übrige Beiprogramm – die obligatorische Kaffeetafel mit Selbstgebackenem auf schneeweißen Tischtüchern, Lesungen, Exkursionen zu Künstlern oder in Tagebaue – hilft der Luckauer Freundeskreis mit zu organisieren. Das geschieht in Zusammenarbeit mit und finanziell zugunsten von anderen Akteuren – dem Förderverein des Gymnasiums, den Eltern von Kindergärten, dem Tourismusverband, der Kirchengemeinde. Und nach dem Brandenburgischen Sommerkonzert – fast in jedem der vergangenen 25 Jahre fand eines in Luckau statt – ist nicht Schluss. Der Freundeskreis veranstaltet auch im übrigen Jahr Konzerte. Das Interesse an ihnen steigt, auch dank einiger Überzeugungsarbeit am Anfang, erzählt Lorenz zufrieden. Und am Ende wird immer gemeinsam gesungen – weil es die Freundeskreis-Mitglieder so schön finden.

erschienen am 20. Juli 2015 in der Lausitzer Rundschau
und am 24. Juli 2015 in der Märkischen Allgemeinen