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DÖRTHE ZIEMER
Freie Projektredakteurin und Autorin

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Friseur-Azubi Karolina Krawczyk.

Die Mühen mit der Ausbildung im Ausland

Drei Jahre nach dem Start eines deutsch-polnischen Ausbildungsprojekts ist die Bilanz ernüchternd: Von anfangs 22 jungen Polen, die 2011 in der Lausitz eine Ausbildung aufnehmen wollten, schließen nur drei ihre Lehre ab. Doch Lausitzer Betriebe suchen weiter im Ausland nach Azubis.

Die Sorge, ob Dauerwelle, Make-up und Herrenfrisur in der vorgegebenen Zeit zu schaffen sind, war unberechtigt: Friseur-Lehrling Karolina Krawczyk hat Ende August ihre praktische Abschlussprüfung bestanden. Doch in der theoretischen Prüfung patzte sie, denn da gab es auch Fragen zu Betriebsführung und Gemeinschaftskunde, und Karolina musste diese in einer Fremdsprache beantworten: Die junge Frau ist Polin, hat in den vergangenen drei Jahren eine reguläre Ausbildung in Doberlug-Kirchhain (Elbe-Elster) absolviert und dabei Deutsch gelernt.

Mit 21 jungen Polen kam Karolina auf Einladung der Handwerkskammer (HwK) im April 2011 nach Cottbus, um zunächst einen Sprachkurs und ein kürzeres Betriebspraktikum zu absolvieren und dann eine Ausbildung aufzunehmen. In Polen hatte die damals 20-Jährige bereits eine Lehre als Köchin abgeschlossen, doch das sei nicht der richtige Beruf gewesen, sagt sie heute. Da kam die Möglichkeit einer zweiten Lehre im Nachbarland wie gerufen.

Die Ernüchterung kam bald

Gelockt hatte die Jugendlichen nicht nur die höhere Vergütung in Deutschland: Die duale Art der Ausbildung bereitet sie besser auf die spätere Berufspraxis vor als die polnischen Berufsschulen. Doch die Ernüchterung kam bald: Nur neun Polen nahmen im September 2011 die Ausbildung auf und drei hielten schließlich durch. Heimweh, Sprachprobleme und die Tatsache, dass die Polen zu jung und zu unerfahren für eine Lehre im Ausland waren, zählten zu den Gründen.

Dabei hatten die Ausbilder auf deutscher Seite viele Hoffnungen in das Projekt gesteckt: Nicht nur, dass gerade Handwerksbetriebe händeringend nach geeigneten Lehrlingen suchen – wie die Waury Fördertechnik GmbH in Cottbus, die dringend Nachwuchs für ihre Fachkräfte braucht, aber kaum findet. Lausitzer Unternehmer wollen verstärkt mit Betrieben aus Polen zusammenarbeiten. Ein qualifizierter polnischer Mitarbeiter könne Türen öffnen, Mittler und Vertrauensperson für beide Seiten sein, sagte Rüdiger Galle, Maurermeister aus Kolkwitz (Spree-Neiße), zu Projektbeginn. Sein Lehrling Paweł Holak schloss bereits nach zwei Jahren die Ausbildung zum Hochbaufacharbeiter ab.

Doch eine Lehre in einer fremden Sprache, einem fremden Land zu absolvieren, dazu braucht es nicht nur einen starken Willen, sondern auch viel Unterstützung. Das hat Elżbieta Przybyła, Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Soziale Arbeit der BTU Cottbus-Senftenberg, festgestellt. Sie hat die Jugendlichen im Rahmen eines Forschungsprojekts immer wieder getroffen. "Sie kommen aus einer überschaubaren, ihnen bekannten Umgebung in eine fremde Welt, in der sie nichts wissen", fasst sie die Erfahrungen der jungen Polen zusammen. Da kann sogar eine Bahnfahrt zum Problem werden. Zugleich habe es vonseiten der Kundschaft Vorbehalte gegen die Azubis aus dem Nachbarland gegeben, erzählt Friseurmeisterin Wisława Heydel-Waberska, die Chefin von Karolina Krawczyk, die vor 20 Jahren selbst von Polen nach Deutschland ausgewandert ist. Das habe sie nach so einer langen Zeit der offenen Grenzen überrascht.

Lob für fachliches Können

Umso mehr freuen sich die Ausbilder über die fachliche Kompetenz ihrer polnischen Schützlinge. Waury-Lehrling Rafał Dawidowicz hat sich so gut entwickelt, dass die Aussicht auf Übernahme bestehe, erzählt Ausbilder Manfred Kaufmann. Friseurmeisterin Heydel-Waberska lobt: "Es gibt inzwischen Kunden, die wollen nur zu Karolina, weil sie sich bei ihr gut aufgehoben fühlen." Die jungen Polen seien ein Gewinn für den hiesigen Arbeitsmarkt, glaubt Wissenschaftlerin Elżbieta Przybyła, obgleich die Abbrecherquote auch in den Jahren nach dem Projektstart hoch war. Einige Abbrecher seien in Deutschland geblieben und hätten hier Arbeit gefunden.

Die HwK hat aus den Erfahrungen der ersten Jahre gelernt: Inzwischen sind der Spracherwerb im Heimatland und ein Praktikum als Testphase vor der eigentlichen Ausbildung Voraussetzung für eine Förderung. Im neuen Ausbildungsjahr werden voraussichtlich fünf polnische und im Rahmen eines weiteren Projektes acht portugiesische Jugendliche in die Lausitz kommen. Sie werden wie ihre Vorgänger ein fremdes Land kennenlernen und ihren Kollegen und Vorgesetzten ihre eigene Kultur nahebringen. Und dieses Näherkommen sei doch das, was das Leben in Europa ausmache, findet Przybyła.

ZUM THEMA

erschienen in der Lausitzer Rundschau, 5. September 2014,
und in der Märkischen Allgemeinen Zeitung, 23. August 2014