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DÖRTHE ZIEMER
Freie Projektredakteurin und Autorin

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Marcin Korniluk in seiner Werkstatt in Geltow.

Mit dem Meisterbrief nach Deutschland

Vor der EU-Osterweiterung vor zehn Jahren wurde die „Angst vor dem polnischen Klempner“ zum Mythos: Würden die Arbeitsmärkte in den alten EU-Mitgliedsländern durch Fachkräfte aus Osteuropa überschwemmt? Mitnichten: Nur gut fünf Prozent der Handwerksbetriebe haben heute Inhaber aus Mittel- und Osteuropa. Marcin Korniluk ist einer der wenigen, die mit Meisterbrief kamen. Er hat sich in Geltow als Kfz-Meister selbstständig gemacht.

Immer wieder hat Marcin Korniluk das Gefühl, dass ihm sein polnischer Pass Wege versperrt. Ob er sich einen Autoanhänger leiht oder Fördermittel für Investitionen in seine Werkstatt beantragt – immer wieder stößt er auf Misstrauen. Dabei arbeitet und lebt er seit acht Jahren in Deutschland, zahlt hier seine Steuern und Abgaben. Der 35-jährige Pole ist einer von knapp 53.360 Handwerkern aus Mittel- und Osteuropa, die in Deutschland als Handwerker eingetragen sind. Das entspricht einem Anteil von rund 5,3 Prozent an allen Handwerksbetrieben in Deutschland. Davon sind etwa 32.300 Handwerker aus Polen (3,2 Prozent).

Marcin Korniluks Weg nach Deutschland, in eine Europäische Union, die ihren Bürgern das gleiche Recht auf Personenfreizügigkeit und Niederlassungsfreiheit zugesteht, begann 2006. Damals arbeitete er noch in Poznań (Posen) und wollte sich beruflich verändern. Ein Landsmann fragte den gelernten Computer-Fachmann und Kfz-Techniker, ob er nicht in Deutschland Flüssiggas-Anlagen in Motorboote einbauen wolle. Das war sein Start als Handwerker im Nachbarland. Bald wurde ihm klar, dass er sich daraus eine eigene Existenz aufbauen wolle. Gute Kontakte hatte er bereits, und so fand er schnell den kleinen Hof an der Bundesstraße 1 in Geltow (Kreis Potsdam-Mittelmark), in dem er sich einrichtete.

Nische in kleiner Werkstatt

Viel Platz ist nicht: ein kleines Büro, eine Werkstatt, in die zwei Autos nebeneinander passen, ein kleines Lager und eben der Hof, auf dem Autos mit Kennzeichen aus verschiedenen Städten und ein Motorboot stehen. – Kein Vergleich zu den Autohäusern in der Nachbarschaft, die sich mit ihren Service-Abteilungen an der viel befahrenen B1 zwischen Potsdam und Brandenburg in dichter Nachbarschaft niedergelassen haben. Dennoch hat Marcin Korniluk seine Nische gefunden. Mit dem Einbau von Flüssiggas-Anlagen, nicht nur für Autos, sondern eben auch für Motorboote, verdient er sein Geld. Die Kunden fand er direkt vor der Tür – als Teil der Gemeinde Schwielowsee liegt Geltow direkt am Wasser.

Bei aller Euphorie, die das Wesen des fröhlichen und offenen jungen Mannes prägt, war die Existenzgründung in Deutschland schwierig. Zwei Jahre dauerte es, bis seine polnische Meisterprüfung anerkannt wurde. Das reichte jedoch nicht aus: Für den Einbau von Autogas-Anlagen nach deutscher Norm musste Korniluk weitere Lehrgänge absolvieren. Seine Zertifikate und Urkunden liegen auf einem Stapel im Büro, an die Wand gepinnt hat er sie nicht. „Das, was ich kann, habe ich in 15 Jahren in Polen gelernt, nicht während eines dreitägigen Lehrgangs in Deutschland“, begründet er, warum ihm das Zur-Schau-Stellen seiner Leistungen nicht liegt.

Dabei hätte er allen Grund dazu: Korniluk ist einer von wenigen osteuropäischen Handwerkern, die sich in einem zulassungspflichtigen Gewerk, in dem die Meisterprüfung obligatorisch ist, niedergelassen haben. Das Gros der Handwerker, die seit der EU-Osterweiterung vor zehn Jahren nach Deutschland kamen, arbeitet in zulassungsfreien Gewerken, also beispielsweise als Gebäudereiniger, beim Einbau von genormten Baufertigteilen oder im Holz- und Bautenschutz. Der Anteil der Handwerksbetriebe mit Inhabern aus Polen am gesamten Betriebsbestand in Deutschland beträgt in den zulassungsfreien und handwerksähnlichen Gewerken 14,4 Prozent. In den zulassungspflichtigen Gewerken, bei denen eine Meisterprüfung zur selbstständigen Ausübung des Handwerks obligatorisch ist, sind es nur 0,2 Prozent.

Wegen der Übergangsregelungen bei der Arbeitnehmerfreizügigkeit haben sich in den vergangenen Jahren dem Zentralverband des Deutschen Handwerks zufolge viele Handwerker nur pro forma als Handwerker eintragen lassen, um dann als faktisch abhängige Scheinselbstständige illegal tätig zu werden. Dieser Trend wurde mit dem Auslaufen der Übergangsregelungen im April 2011 gestoppt, die Beschäftigungsverhältnisse legalisierten sich. Die Gründungswelle hält indes an: Allein 2013 gab es 17.158 Neueintragungen von Betriebsinhabern aus den neuen EU-Mitgliedsländern, darunter verstärkt aus Bulgarien und Rumänien, in Deutschland.

Immer wieder Misstrauen im Alltag

Das Erbe von polnischen Scheinfirmen muss auch Marcin Korniluk mit sich herumtragen. Immer wieder begegneten ihm Misstrauen und Angst, erzählt er. So gebe es Autovermieter, die winken ab, wenn er mit seinem polnischen Pass einen Autoanhänger mieten will. „Und es gibt Leute, die kommen nicht als Kunde zu mir, weil ich Pole bin“, sagt Korniluk. Dabei hat er sich längst einen guten Ruf als Spezialist für Autogas-Anlagen, die in Polen viel verbreiteter sind als in Deutschland, erarbeitet. Als solcher übernimmt er sogar Kunden aus den Konkurrenzunternehmen im Ort – wenn diese Probleme mit ihrer Autogas-Anlage haben. Als gutes Miteinander beschreibt ein Mitarbeiter eines benachbarten Autohauses das Verhältnis zu dem jungen Polen und ihn selbst als netten, hilfsbereiten Kollegen.

Dass Misstrauen und ein entspanntes Miteinander so nah beieinander liegen, könnte an dem Umgang verschiedener Generationen mit der deutsch-polnischen Geschichte liegen, glaubt Korniluk. Seine Generation jedenfalls sollte da ausgleichen, wo ihre Eltern und Großeltern noch Befindlichkeiten gegeneinander hegen. Die Sprache sei ein Schlüssel dazu, sagt der Pole, der ganz am Anfang seiner Zeit in Deutschland erst einmal ein halbes Jahr lang Deutsch gelernt hat, ohne währenddessen einen Cent zu verdienen.

Heute sieht Marcin Korniluk seine Zukunft in Deutschland, will hier bald mit seiner Frau Kasia, die in Polen Psychologie studiert, wohnen. „Ich lebe gern hier, die Menschen sind freundlich“, sagt er. Und, was noch wichtig ist in seinem Gewerk: „Der Papierkram hier in Deutschland gibt Sicherheit.“ Er meint damit zum Beispiel Versicherungen, die er als Unternehmer abschließt, falls die Autos seiner Kunden etwa bei einer Probefahrt Schaden nehmen. So etwas gebe es in Polen nicht.

erschienen im n-ost Themenheft "Osterweiterung - Zehn Jahre in der EU
und in der Märkischen Allgemeinen Zeitung, 30. April 2014