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DÖRTHE ZIEMER
Freie Projektredakteurin und Autorin

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Maurermeister Rüdiger Galle und sein polnischer Azubis Paweł Holak.

Türöffner zum Nachbarn

Seit einem Jahr leben polnische Jugendliche in der Lausitz, um hier einen Beruf zu erlernen. Von anfangs 22 Interessenten sind bei dem Projekt der Handwerkskammer Cottbus zwar nur noch sieben dabei. Diese sind für ihre Betriebe ein großer Gewinn und womöglich ein Türöffner nach Polen.

Fragend blickt Karolina Krawczyk zu ihrer Chefin. „Różnica“, sagt Wisława Heydel-Waberska, „Unterschied“. Es kommt selten vor, dass die Friseurmeisterin, die vor 20 Jahren aus Polen ausgewandert ist, mit ihrem polnischen Azubi Polnisch spricht. Karolina soll Deutsch sprechen, denn das ist das Wichtigste, um ihre Lehre in Doberlug-Kirchhain (Elbe-Elster) erfolgreich zu absolvieren. Chefin und Azubi sitzen in der kleinen Küche hinter dem Salon, und wieder einmal sprechen sie über den Unterschied zwischen der Ausbildung in Polen und Deutschland, wieder einmal in Anwesenheit eines Journalisten.

Zahlreiche Fernsehsender, Radiostationen und Zeitungen haben sich seit dem 1. Mai 2011 für den Salon „Roter Kamm“ in Doberlug-Kirchhain interessiert. Denn vor einem Jahr trat die volle Arbeitnehmerfreizügigkeit in Europa in Kraft, und die Handwerkskammer (HWK) Cottbus holte 22 polnische Jugendliche aus der Grenzregion nach Deutschland, um ihnen hier eine Ausbildung zu ermöglichen. Lausitzer Betriebe hatten der Kammer zuvor vorgeschlagen, Lehrlinge auf der anderen Seite der Grenze zu suchen.

Das Projekt, das in diesem Jahr fortgesetzt wird, ist bundesweit nahezu einmalig, nur im Handwerkskammerbezirk Chemnitz gibt es ein ähnliches mit tschechischen Jugendlichen. Jüngst kündigte Bundesarbeitsministerin von der Leyen an, spanische Jugendliche als Azubis ins Emsland zu holen. Diesem Vorstoß haben die Lausitzer nun ein Jahr Erfahrung voraus.

Die meisten sind wieder zurückgegangen

Von den 22 Jugendlichen, die im Mai 2011 den viermonatigen Sprachkurs in Cottbus begannen, lernen heute noch sieben in der Region. Die meisten sind zurück nach Polen gegangen, zehn bereits während des Sprachkurses, andere während der Probezeit im Betrieb. Die Chemnitzer Kammer zieht eine ähnliche Bilanz: Dort blieben von neun Azubis nur drei. Andrea Gollaneck von der HWK Cottbus fasst die Gründe so zusammen: „Es prallten Welten aufeinander.“ Die Vorstellung vieler Jugendlicher von der Lehre in Deutschland hätte nicht mit der Realität übereingestimmt, die Sprachbarriere sei höher als angenommen. Viele Jugendliche plagte schlicht das Heimweh, andere haben sich beruflich umorientiert.

Das klingt nach Misserfolg, doch der Aufwand lohne sich, so Gollaneck. Die Jugendlichen, die geblieben sind, werden von ihren Chefs hoch gelobt, sind in den Berufsschulen anerkannt und bekommen viel Unterstützung. Damit Karolina Krawczyk die Lehre in Deutschland gut schafft, bekommt sie beispielsweise im ersten Lehrjahr in der Schule alle Fragen schriftlich gestellt und hat mehr Zeit für Tests. Wisława Heydel-Waberska hat zudem zusätzlichen Deutschunterricht organisiert. Fachlich ist Karolina anderen Azubis oft weit voraus, lobt die Chefin. „Man erklärt ihr einmal einen Handgriff, und der sitzt.“

Dennoch ist für die 21jährige Frau aus Zielona Góra, die dort Abitur gemacht und stets gute Noten erhalten hat, der theoretische Teil der Lehre sehr kraftraubend. Schlechte Zensuren zu akzeptieren, fällt Karolina schwer. Dank ihres eigenen Engagements sind die Noten inzwischen besser geworden. „Karolina kommt nach der Berufsschule in den Salon und arbeitet mit“, erzählt Heydel-Waberska. „Dafür helfen meine Mitarbeiterinnen ihr dann bei den Hausaufgaben.“ Im Salon spreche sie mit Karolina ausschließlich Deutsch. Wenn es doch einmal zu kompliziert für Karolina wird, klären sie das in der Küche auf Polnisch.

Immer wieder Missverständnisse

Dass es dennoch immer wieder zu Missverständnissen kommt, ist für Heydel-Waberska, die selbst die Erfahrung der Arbeitsmigration gemacht hat, nicht überraschend: „Die Eingewöhnung fällt schwer, wenn man kaum etwas versteht.“ Hinzu komme ein Unterschied zwischen den Mentalitäten. Den haben auch Rüdiger Galle, Maurermeister aus Kolkwitz (Spree-Neiße), und sein Lehrling Paweł Holak erfahren. „Am Anfang hatten wir Probleme mit der Pünktlichkeit und der Arbeitseinteilung“, blickt Galle zurück. Das konnte er jedoch mithilfe des polnisch-sprachigen Betreuers der HWK klären.

Seitdem läuft es gut. „Die Lehre hier ist die Chance meines Lebens“, sagt Paweł. „In Polen gibt es weniger Arbeit und weniger Lohn.“ In Deutschland verdient er als Azubi so viel wie in Polen als Fachkraft. Außerdem ist die Berufsausbildung in Polen rein schulisch, nach dem Abschluss fehlt die praktische Erfahrung. Die bekommt er in der Firma von Rüdiger Galle ausreichend: Paweł schleppt gerade Materialien für die Sanierung eines Hauses in der Briesener Straße in Cottbus – bis unters Dach. Eigentlich ist er jedoch damit beschäftigt, im Keller Brandschutzverkleidung an die Decke zu bringen. Der Chef zeigt ihm, wo noch nachgearbeitet werden muss.

Sein Deutsch werde jeden Tag besser, schätzt der 25jährige Paweł selbst ein, und sein Chef erklärt: „Die Baustelle ist der beste Deutschkurs.“ Paweł habe sogar schon den Slang der Kollegen angenommen. Die meisten Fachbegriffe kennt er nur auf Deutsch. Er ist den deutschen Azubis gleichgestellt. Zu seinen Mitschülern in der Berufsschule habe er schon gute Kontakte aufgebaut, erzählt Paweł. „Ich nehme sie sogar mit nach Hause, nach Zielona Góra, und lasse sie traditionelle polnische Gerichte probieren.“

Den Weg über die Neiße zu finden, das ist für Rüdiger Galle einer der wichtigsten Gründe, an dem Projekt teilzunehmen. Natürlich klopfen auch bei ihm weniger deutsche Lehrlinge an die Tür, weshalb der polnische Nachwuchs willkommen ist. Aber Galle sieht in dem Projekt mehr: „Wir haben schon öfter Betriebe in Polen besucht und darüber gesprochen, welche Zusammenarbeit möglich wäre. Mehr aber nicht.“ Ein qualifizierter polnischer Mitarbeiter könnte da Türen öffnen, Mittler und Vertrauensperson für beide Seiten sein, hofft Galle. „Wir sind eine Grenzregion, da bietet sich das einfach an.“

erschienen am 30. April 2012 in der Lausitzer Rundschau