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DÖRTHE ZIEMER
Freie Projektredakteurin und Autorin

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Der größte Weinkeller der Welt in Milestii Mici und die Vinothek von Ion Luca in Chisinau.

Identität statt Größenwahn

Billig-süße Massenwaren? Dafür stand Wein aus Moldau zu Sowjetzeiten. Eine neue Winzergeneration wagt sich nun an eine Qualitätsoffensive.

Wer das Weinland Moldau mit Superlativen beschreiben will, spricht gern vom zehntgrößten Weinproduzenten der Welt oder vom Land mit der größten Rebstockfläche pro Einwohner weltweit. Die erste Zahl schwankt naturgemäß über die Jahre, die zweite dürfte stimmen – aber was sagt das schon aus über das Land zwischen Rumänien und der Ukraine, das als das ärmste Europas bekannt und die kleinste der ehemaligen Sowjetrepubliken ist? Schlimmstenfalls wecken diese Zahlen die Erinnerung an billig schmeckende, süße Weine – Massenware aus Sowjetzeiten. Bestenfalls machen die moldauischen Superlative jedoch neugierig auf die Weine aus dem Land, das den Weinbau einen strategischen Sektor nennt.

Moldau als Weinland wird verkannt, meint etwa der Weinkritiker und Journalist Stuart Pigott. Er hat vor sieben Jahren moldauische Winzer besucht und ihnen ein sehr amüsantes Kapitel in seinem Buch „Wein weit weg“ (2009) gewidmet. Darin beschreibt er, wie er sich beim Verkosten moldauischer Weine seiner westlichen Vorurteile überführt sah. Er scheut sich nicht, die besten und ältesten Weine des Landes mit Bordeaux-Weinen zu vergleichen. Und er schreibt über einen Weinbrand: „Wie kann dieses kleine Land, das so weit entfernt von Cognac liegt, Weinbrände erzeugen, die viele teure Cognacs in den Schatten stellen?“

Diese Begeisterung teilt Reinhard Hannesschläger. Der gebürtige Österreicher verkauft seit zwei Jahren in seinem Weinsalon im brandenburgischen Museumsdorf Glashütte (Landkreis Teltow-Fläming) neben deutschen und österreichischen auch Weine aus Moldau. „Die sind ein totales Nischenprodukt“, schätzt er realistisch ein, obgleich sich das Geschäft nach einer Anlaufphase rechnen soll. Seine ersten Erfahrungen mit dem Weinimport aus Moldau waren ernüchternd. Damals versuchter er, Importeure für moldauische Weine zu finden. „Die waren zwar von den Weinproben beeindruckt, wollten aber zu Dumpingpreisen importieren“, erinnert sich Hannesschläger. Deshalb wollte er es selbst probieren.

Moldauische Weine polarisieren

Wichtig ist ihm dabei, mit den Kunden ins Gespräch zu kommen, etwa in seinem Laden oder auf Weinmessen wie in Berlin oder Düsseldorf, um deren Neugier überhaupt zu wecken. „Moldauische Weine polarisieren: Sie sind ausdrucksstark.“ Erfahrene Weintrinker ließen sich gern darauf ein, etwas Neues zu probieren, sagt er und lobt etwa die Besucher der Berliner Weinmesse, die besonders neugierig seien. Zugleich gebe es konservative Weintrinker, die lieber auf die gewohnten Sorten und Qualitäten setzten.

Neues wagen, Altes hinter sich lassen – das gilt auch für die moldauischen Winzer, deren Weine Hannesschläger vertreibt. Es sind zumeist junge Winzer, die irgendwann einmal den Beruf des Kellermeisters erlernt haben, in einem großen Betrieb angestellt waren und sich nun aufmachen, ihren eigenen Wein herzustellen – von der Pflanzung der Rebe über die Ernte und Weinherstellung bis zur Vermarktung.

Das klingt ganz selbstverständlich für ein Land, das fast doppelt so viele Rebstöcke hat wie Rheinland-Pfalz und etwas weniger Einwohner, ist es aber nicht. Zu Sowjetzeiten war Moldau der Obstgarten des Riesenreiches und sollte es mit Wein versorgen: Große Staatsbetriebe stellten Massenware her, die Winzer des Landes lieferten die Trauben dazu, gekeltert wurde woanders, und um den Verkauf kümmerte sich der Staat, der damals noch seine Zentrale in Moskau hatte. Nach dem Ende der Sowjetunion wurden die moldauischen Winzer wieder Besitzer ihres eigenen Landes, bauten darauf jedoch nur einfachste Kulturen an. „Zehn Jahre später haben sie verstanden, dass man Kulturen braucht, die einen Mehrwert bringen“, erklärt Ion Luca, Chef des Moldauischen Kleinwinzerverbandes. „Einige jüngere dachten damals: Wir sind ein Weinland und in jedem Weinland muss es kleine Winzer geben.“ Diese Winzer begannen, selbst Rebstöcke anzupflanzen, sie kauften Fässer und Abfüllanlagen und kreierten ihre eigenen Marken.

Parallel versuchten die alten Staatsbetriebe, von denen vier heute immer noch in staatlicher Hand sind, sich auf die neuen Gegebenheiten einzustellen. Die waren zunächst vor allem politischer Natur: Russland, der größte Abnehmer für moldauischen Wein, belegte das nach Europa strebende Land 2005 und 2013 mit einem Embargo. Bis zu diesem Zeitpunkt wurden etwa drei Viertel der moldauischen Weine nach Russland exportiert. Die Winzer blieben auf ihren Trauben sitzen, die Keltereien auf ihren Weinen, die sie schließlich destillierten. Zulieferer wurden ihre Flaschen und Etiketten nicht mehr los. In einem Land mit rund 3,6 Millionen Einwohnern, in dem etwa 400.000 Menschen direkt oder indirekt mit Weinbau zu tun haben, in einem Land, das den Weinbau sogar einen „strategischen Sektor“ nennt, leiden also mehr als 10 Prozent der Bevölkerung unter so einem Embargo. „So einen Partner langfristig zu halten, der zweimal in zehn Jahren so etwas macht, das können wir einfach nicht. Das ist Raub“, stellt Ion Luca fest.

Zeitenwende für die alten Großbetriebe

Doch während Russlands Präsident Wladimir Putin mit diesen Embargos den Westkurs Moldaus aufhalten wollte, hat er praktisch das Gegenteil erreicht: eine Umorientierung der Weinwirtschaft auf andere Märkte. Für die großen Betriebe kam das einer Zeitenwende gleich, die sich noch heute hervorragend im laut Guiness-Buch der Rekorde größten Weinkeller der Welt im Weingut Mileștii Mici bei Chișinău studieren lässt. Gheorghe Castraveţ, Direktor des Weinguts, arbeitet seit fast 40 Jahren in Mileștii Mici. In seinem Büro, vor Glasvitrinen mit Preisplaketten, versucht der 57-Jährige, die neuere Geschichte seines Betriebes zu erklären, scheut sich jedoch davor, konkrete Zahlen – Umsätze, Produktionsausfälle durch das Embargo – zu nennen. Er spricht von Umorientierung auf andere Märkte und neue Qualitäten und davon, dass man etwa auf den europäischen Markt inzwischen besser vorbereitet sei. Doch auch dabei bleibt er seltsam allgemein.

Konkreter wird es im Weinkeller: 200 Kilometer Straße befinden sich dort unterirdisch, von denen 52 Kilometer heute genutzt werden. Aufgereiht an diesen Straßen, die die Namen von Weinsorten tragen, sind Weinfässer und Weinregale, in denen 1,5 Millionen verstaubte Flaschen lagern, die mehrere Jahre bis Jahrzehnte alt sind. Sogar chinesische Kunden lassen dort ihr eigenes Weinfach bestücken. Alte Weine aus Eichenfässern – davon zeigt sich auch Stuart Pigott bei seinem Besuch in Mileștii Mici beeindruckt. „Das einzige Problem ist, dass dieser Wein uns Profis zwar etwas Außergewöhnliches beweist, aber nicht besonders außergewöhnlich schmeckt“, resümiert er enttäuscht.

Es fehlt diesem Weinkeller der Superlative offenbar, was die jungen moldauischen Winzer aufzubauen versuchen: Identität statt Gigantismus und einen Bezug zum Produkt statt Stolz auf Zahlen. Sie haben verstanden, dass die Konsumenten eher bereit sind einen höheren Preis für den Wein zu bezahlen, wenn sie irgendeine Bindung zu der Region, zu der Geschichte und zum Winzer haben. Das gilt auch für Moldau, das zu einem großen Teil nur dank der Überweisungen der rund 600.000 Auslandsmoldauer überlebt, schätzt der 32-jährige Ion Luca ein, der in der Hauptstadt Chișinău eine Vinothek aufgebaut hat und den Markt in der Hauptstadt gut kennt. Diese jungen Winzer wollen Spitzenweine, und sie gehen dafür bewusst Risiken ein, statt auf Durchschnitt und Sicherheit zu setzen: „Sie schütten auch mal einen ganzen Tank Wein weg, wenn der ihren Erwartungen nicht entspricht“, erzählt Importeur Hannesschläger. Ihren Markt haben die kleineren Winzer mit Rebflächen zwischen fünf und einigen Dutzend Hektar vor allem im Heimatland, aber auch in Europa. Nach Russland haben sie sich seit jeher kaum orientiert.

Neues Weingesetz für junge Winzer

Die jungen Winzer haben auch verstanden, dass man konkret werden und die Probleme anpacken muss. Deshalb haben sie vor sechs Jahren den Verband der kleinen Winzer gegründet und mit der seit 2009 demokratisch und europäisch orientierten Regierung einige Gesetzesänderungen ins Parlament gebracht. „Das waren damals neun Winzer, alle jung und voll Energie, die etwas verändern wollten“, erinnert sich Verbandschef Luca. „Die Regeln und Gesetze, die wir damals hatten, waren sehr abgestimmt auf die großen Produzenten. So waren beispielsweise die Lizenzen für kleine Winzer zu teuer, unfair zu teuer. Wir haben es geschafft, dass wir jetzt ein neues Weingesetz haben, das keine Lizenz mehr vorsieht.“ Insgesamt sei die jetzige Regierung ist viel offener für kleinere und mittlere Betriebe als die kommunistische Regierung vor 2009.

Das neue Zeitalter im Weinland Moldau äußert sich aber auch darin, dass Alt und Neu, große und kleine Weinbaubetriebe stärker zusammenarbeiten. Bis zum ersten Embargo hatte jeder Hersteller seine eigenen Importeure, denn Russland war ein guter Abnehmer. Nach dem Embargo haben die Winzer dann gesehen, wie schlecht ihr Image auf den Märkten außerhalb Russlands war. „Es gibt Märkte, die nicht einmal wissen, wo Moldau liegt, deswegen müssen wir dort gemeinsam unsere Weine vermarkten“, sagt Luca. Schließlich stehe mit Europa ein Markt mit 500 Millionen Einwohnern bereit. „Auch wenn in der EU niemand uns kennt – es ist ein stabiler Markt.“

WEINLAND MOLDAU

erschienen am 14. Feburuar 2015 in der Berliner Zeitung